Fantasie ist gefragt!

VON ANINA TORRADO, 02. 07. 2018

«Temps d’un été» ist ein visionäres Projekt, denn es gibt kein von Erwachsenen vorbereitetes Animationsprogramm. Es sind die Kinder, die nach einem angeregten Austausch im Kinderrat ihrer Fantasie freien Lauf lassen und gemeinsam schreiben, erzählen, basteln, malen, spielen, das Mittagessen kochen oder die Geschichte des Tages inszenieren. Mariel Corthay Ducrey vom Centre de loisirs et culture de Martigny (CLCM) erzählt, wie die Jüngsten ticken.  

Frau Corthay Ducrey, wie ticken die heutigen Kinder?

Mariel Corthay Ducrey: Für unser Sommerferienprogramm namens «Temps d’un été» sprechen wir Kinder der sogenannten Generation Z* und der Generation Alpha** (6 bis 12 Jahre) an. Diese Kinder wachsen mit iPad, Instagram und Virtual Reality auf und viele von ihnen sind es sich gewohnt, ihr Leben mit einem Mausklick zu steuern. Umso wichtiger ist es, dass die Kinder ihre Kreativität ausleben und in ihrer Freizeit ab und zu «Schauspieler» werden. Und dass sie etwas mit ihren eigenen Händen kreieren.

Sind die heutigen Kinder zu konsumorientiert?

Das Internet bietet viel Zerstreuung, sodass Musse – oder auch Langeweile – nicht mehr viel Platz haben. Wir steuern mit «Temps d’un été» ein bisschen dagegen: Die Kinder werden aufgefordert, selber Ideen zu generieren und diese fantasievoll umzusetzen. Ausserdem kochen sie ihr Mittagessen aus frischen Zutaten selber, ohne Verwendung von Convenience-Produkten, und üben sich im bewussten Umgang mit der Umwelt.

Wie läuft ein solcher Tag ab?

Die Kinder haben die Möglichkeit, während ein paar Tagen oder einer Woche an «Temps d’un été» mitzumachen. Sie kommen morgens ins CLCM und lassen sich von einem Märchen wie zum Beispiel «Hänsel und Gretel» inspirieren. Ab diesem Zeitpunkt liegt das Tagesprogramm in den Händen der Kinder: Sie denken die Geschichte weiter und setzen ihre Ideen in den Ateliers zu Kochen, Basteln, Theaterspielen, Schreiben oder Spielen um. Jeder Tag führt die Kinder auf eine neue Reise!

Die Kinder entwickeln gemeinsam das Tagesprogramm

Die Kinder können tun, was sie wollen?

Ja, sie sind sogar herausgefordert, aktiv zu werden. Es gilt das Prinzip: jeder darf seine Idee am «Kinderrat» erzählen, die anderen hören respektvoll zu und unterstützen die Idee solidarisch. Da geht es jeweils lebendig zu und her: Die Kinder sprühen vor Ideen. Dann geht’s natürlich auch darum, die eigenen Gefühle auszudrücken, anderen zuzuhören und sich auf Aktivitäten zu einigen. Wir nutzen ein Plüschtier, das in der Runde zirkuliert, damit jedes Kind offen sagen kann, was es denkt, auch wenn es eine andere Meinung hat oder schüchtern ist. So bringen wir die meisten Bedürfnisse unter einen Hut.  

Was ist dieses Jahr geplant?

Die beiden Wochen stehen ganz im Zeichen der nachhaltigen Entwicklung. Wir werden uns vor allem mit Recycling, Ernährung, Bewegung und Entspannung in der freien Natur beschäftigen. Zum Beispiel bringt jedes Kind seinen eigenen Teller von zu Hause mit und wir nutzen hauptsächlich Recyclingmaterial in den Ateliers. Und den Abwasch werden wir mit natürlicher Seife und wassersparend erledigen.

Die Kinder kochen und essen gesund

Und punkto Ernährung?

Wir fördern mit Slowfood eine bewusste Esskultur. Unser Mittagessen kochen die Kinder selber. Wenn möglich verwenden wir frische, saisonale Zutaten in Bio-Qualität aus der Region. Daraus bereiten wir zum Beispiel hausgemachte Nudeln, Kartoffelstock, Knoblauchbrot, Fleisch- und Gemüsebällchen, aber auch exotische Gerichte wie ein vegetarisches Curry mit Chapati zu. Die Kinder erleben so die gesunde Alternative zu industriell hergestellten Fertiggerichten und lernen, dass auch «Vegi» gut schmeckt. Das Essen wird von uns zwar geplant, unterliegt aber dem demokratischen Prinzip des Kinderrats: Bestimmen die Kinder, dass die Spaghetti passend zum Tagesmotto grün sein müssen, dann mischen wir dem Teig halt Spinat bei! Wir improvisieren jeden Tag und da fängt es an, so richtig Spass zu machen (lacht).

Wann ist Ihr Projekt ein Erfolg?

Das Projekt ist ein Erfolg, wenn ich das Gefühl habe, dass die Kinder in eine imaginäre Welt eintauchen und sich nicht scheuen, ihre Ideen mit den anderen zu teilen und in den Ateliers zusammen zu arbeiten. Wenn ich sie dann mit funkelnden Augen, lächelnd und gut gelaunt sehe, dann weiss ich, dass der Tag ein Erfolg ist. Der beste Beweis ist jeweils, wenn die Eltern ihre Kinder abholen und diese unbedingt am nächsten Tag wiederkommen wollen.  

Warum erhält «Temps d’un été» Unterstützung vom Migros-Kulturprozent?

Wir haben «Temps d’un été» bereits zum zweiten Mal eingereicht und wieder einen Beitrag vom Migros-Kulturprozent erhalten. Es ist toll, dass kleine Projekte wie das unsere unterstützt werden. Dieses Jahr legen wir den Fokus vermehrt auf Nachhaltigkeit und gesunde Ernährung – ganz im Sinne von Kebab+, das Kochen, Essen, Begegnen, Ausspannen und Bewegen fördert.

Jeder Tag ist eine Wundertüte

Temps d’un été 2018

Temps d’un été findet vom 16. bis 27. Juli 2018 im Centre de loisirs et culture de Martigny (CLCM) statt. Teilnehmen können maximal 30 Kinder im Alter von 6 bis 12 Jahren. Die Kosten betragen 25 Franken für Mitglieder und 30 Franken für Nichtmitglieder für 5 Tage. Das CLCM wird vom Verein Jeunes - Loisirs - Rencontre geführt. Dieser bietet seit 34 Jahren ein Freizeit- und Kulturprogramm für junge Menschen. Informationen auf www.clcm.ch/temps-d-un-ete

*Die Generation Z bezeichnet die zwischen 1995 und 2009 Geborenen

**Die Generation Alpha bezeichnet die nach 2010 Geborenen

Migros-Kulturprozent
Das Migros-Kulturprozent ist ein freiwilliges, in den Statuten verankertes Engagement der Migros, das in ihrer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft gründet. Es verpflichtet sich dem Anspruch, der Bevölkerung einen breiten Zugang zu Kultur und Bildung zu verschaffen.
Migros Kulturprozent
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