Einmal rund um die Welt

VON ANINA TORRADO, 01. 06. 2018

Auch wer in den Ferien zuhause bleibt, muss nicht auf exotische Erlebnisse verzichten. In den Frühlings- und Herbstferien lädt das Jugendrotkreuz Kanton Zürich jeweils zu einer «Sport und Kochen»-Woche ein. 20 Kinder und Jugendliche - die meisten mit Flucht- und Migrationshintergrund - erleben dabei vier Kontinente kulinarisch und sportlich.

Laut dem UNHCR waren 2015 die Hälfte aller Flüchtlinge Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Besonders für unbegleitete Kinder birgt die Flucht aus ihrer Heimat viele Gefahren. Im Aufnahmeland angekommen ist die Integration die nächste Hürde: Die Kinder sprechen die Sprache nicht und haben oft kein familiäres Auffangnetz. In der Schweiz stellten laut Staatssekretariat für Migration SEM allein im letzten Jahr über 700 unbegleitete Minderjährige einen Asylantrag. Die jungen Menschen wohnen in Durchgangszentren, temporären Wohnsiedlungen oder Nothilfezentren und haben wenig bis gar keinen Zugang zu Freizeitangeboten.

Für ein wenig Abwechslung im Alltag sorgt das Jugendrotkreuz Kanton Zürich mit dem Projekt «Sport und Kochen» (Spoko). Das Konzept ist einfach: Eine Woche lang wird morgens gemeinsam gekocht und am Nachmittag Sport getrieben. Organisiert wird die Spoko von einer Gruppe jugendlicher Freiwilliger jeweils in den Frühlings- und Herbstferien. «Die Spoko leistet einen wichtigen Beitrag zur Entlastung der Eltern und der Integration der Kinder während den Schulferien», erzählt der Projektleiter Mitja Mosimann vom Jugendrotkreuz Kanton Zürich.

Zusammenhalt entsteht durch gemeinsame Erlebnisse

Von A bis Z alles selbst gemacht

An einem Montagmorgen im April im Zürcher Schulhaus Feld: 20 junge Menschen zwischen 7 und 14 Jahren sitzen aufgeregt in der Schulküche. Sie erwartet eine Woche voller Abenteuer, denn das Motto «Multikulti» der Spoko verspricht eine Weltreise durch vier Kontinente. Larisa Rychener, eine Freiwillige, die schon länger beim Jugendrotkreuz mitarbeitet, stellt das Wochenprogramm vor: «Wir lernen jeden Tag einen neuen Kontinent kennen: Amerika, Afrika, Asien und Europa. Heute reden wir über die USA und kochen Hamburger mit Salat und Muffins. Und das machen wir von A bis Z selber!» Unter Anleitung der Freiwilligen, die zwischen 16 und 27 Jahre alt sind, kneten die Kinder den Teig, backen Brötchen, formen die Burger, waschen den Salat und rühren den Muffins-Teig an. «Die jungen Köchinnen und Köche waren ganz erstaunt, wie gut ein selbst gemachter Burger schmeckt», erzählt der Projektleiter Mitja Mosimann. «Wir wollen den Kindern an der Spoko zeigen, dass gesundes Essen gut schmeckt und einfach zuzubereiten ist. Ausserdem möchten wir übers Essen und den gemeinsamen Sport interkulturelle Begegnungen ermöglichen.»

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kannten die USA nur aus dem Fernsehen und waren ganz erpicht drauf, am Nachmittag typische amerikanische Sportarten wie Aerobics, Cheerleading, Baseball und Basketball auszuprobieren. Müde, aber glücklich gingen sie nach Hause und kamen am Dienstagmorgen für die nächste «Reise» zurück ins Schulhaus. Diese führte sie nach Afrika – in die Heimat vieler der Kinder. Beim Kochen eines Eintopfes und des Milchkuchens erzählten sie sich Geschichten aus ihrem Land. Am Mittwoch stand Asien mit Yoga und Karate auf dem Programm, am Donnerstag schlüpften sie in die Rolle eines italienischen Pizzaiolo und spielten Fussball in verschiedenen Variationen.

Die Spoko bietet die Gelegenheit, neue Sportarten auszuprobieren

«Alle ticken irgendwie gleich»

Mitja Mosimann erinnert sich an einen Moment, der ihn berührt hat: «Als wir das Rezept für indische Samosas vorstellten, sagten die Kinder aus Eritrea gleich: ‚Das kennen wir!’ Ein Mädchen übernahm kurzerhand die Führung und bereitete den Teig zu, denn sie war es sich gewohnt, die Teigtaschen mit ihrer Mutter zu backen.»

Die jugendlichen Freiwilligen haben das Programm sorgfältig zusammengestellt und viele Stunden im Internet recherchiert. Dabei hätten sie laut Mosimann selber viel über andere Kulturen, deren Spezialitäten und Sportarten gelernt. Die Erkenntnis: Wenn es um gutes Essen und Spass geht, ticken alle Kulturen irgendwie ähnlich. «Die Woche war intensiv», blickt Mitja Mosimann zurück. «Die Freiwilligen waren super vorbereitet und brachten ihr Wissen ein. Wir hatten beispielsweise eine Ernährungs- und Sportberaterin in der Gruppe, die mit den jungen Menschen eine Ernährungspyramide gezeichnet hat.» Mosimann war es auch wichtig, Esskultur zu vermitteln und Rituale zu pflegen. Zur Begrüssung die Gruppe jeweils ein Guten-Morgen-Lied in mehreren Sprachen, am Mittagstisch mussten die Kinder und Jugendlichen warten, bis alle bereit waren, und nachmittags gab es eine Zvieri-Pause, um zu verschnaufen.

Larisa Rychener arbeitet seit Jahren als Freiwillige bei der Spoko mit

Ausflug auf den Bauernhof

Die Momente des Glücks, die sich während der Woche immer wieder einstellten, beflügeln Mosimann und die jungen Freiwilligen zu Höchstleistungen. Am letzten Tag besuchte die Gruppe einen Reiterhof in Winterthur. Beim Füttern der Hühner, dem Streicheln der Hasen und Striegeln der Pferde konnten die Kinder Ängste abbauen und den Umgang mit Tieren lernen. «Diese Erfahrung ist unbezahlbar», resümiert Mitja Mosimann. «Die Kinder haben tolle Begegnungen, schliessen neue Freundschaften und machen positive Erfahrungen. Die Woche war für viele der Teilnehmenden eine willkommene Abwechslung. Dies kann helfen, Abstand von den Schwierigkeiten des Alltags zu nehmen.» Auch die Freiwilligen waren sichtlich zufrieden. Larisa Rychener erzählt: «Wenn ich die strahlenden Gesichter der Kinder sehe und mir vorstelle, wie sie am Montag in der Schule von ihrer Weltreise erzählen und ihre Familie mit selbst gekochtem Essen aus vier Kontinenten überraschen, dann bin ich einfach nur glücklich.»

Spoko 2018

Die Spoko wird seit neun Jahren regelmässig während der Schulferien durchgeführt. Das Angebot richtet sich an Kinder, die nicht in die Ferien verreisen können. In der Spoko dreht sich alles um gesundes Essen und Sport. Die nächste Durchführung ist für die Herbstferien 2018 geplant. Informationen: jugendrotkreuz@srk-zuerich.ch

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